Glaubst du noch oder liebst du schon?
Juli 17, 2021

Glaubst du noch oder liebst du schon?

Nach den ersten Reden und Wundern Jesu werden er und seine Jünger regelrecht von den Massen verfolgt. Die Menschen rennen ihm nach! Traumhafte Zustände, das Gegenteil von dem, was wir heute in unserer Kirche erleben.

Aber der „Run“ auf Jesus hielt auch damals nicht an. Als er zum Beispiel 10 Aussätzige heilte, dankte ihm nur einer. Als dann später Pilatus die Wahl zwischen der Freilassung von Barabbas oder Jesus anbot, da wählten die Menschen Barabbas. Und als Jesus schließlich am Kreuz hing, da war selbst von seiner eingeschworenen Gemeinschaft der 12 Jünger nur einer, Johannes, der mit den beiden Marias bei ihm unter dem Kreuz stand. Die anderen hatten sich aus Angst versteckt.

Die Massen hatten sich aus Enttäuschung abgewandt, weil Jesus nicht das brachte, was sie erhofft hatten: die Befreiung von der Römischen Herrschaft. Die Massen heute wenden sich ab, weil auch sie einen solchen Jesus nicht mehr brauchen und die Kirche als heutige Jünger-Gemeinschaft nicht mehr als Liebesgemeinschaft sondern als eine heutige Form von Herrschaft empfinden.

Für mich ist dies alles eine Warnung und zugleich ein Trost und eine Aufforderung zum Beten und Hoffen.

Die Warnung davor, zu meinen, wir könnten die Menschen mit allerlei Maßnahmen und Aktionen, Mühen und Versprechen, Verbiegungen und Verrenkungen dauerhaft an die Kirche, an Jesus binden. Mit Nichten! Denn wenn es zum Schwur kommt, das heißt, wenn der Glaube nicht die Rechtfertigung des bisherigen Lebens sondern die Hin- und Unterordnung unter das Leben Jesu und damit auch – wie bei Johannes – unter das Kreuz bedeutet, dann bleiben nur wenige!

Der Trost, dass damals wie heute, dann, wenn der Glaube schwindet und die Menschen sich enttäuscht oder mutlos von Jesus ab und dem sicheren Leben zuwenden, es immer noch Menschen gibt, die nicht nur einen Glauben an, sondern wie Johannes und die Frauen eine tiefe Liebe zu Jesus empfinden. Eine Liebe, die trotz bedrohender Gefahr von Verachtung, Verfolgung und zumindest gesellschaftlichem Tod standhält und standhaft bleiben lässt.

Mein Beten, dass ich in der Liebe zu Jesus Christus, zum Heiligen Geist, zu Gott dem Vater und der Gemeinschaft unter dem Kreuz stetig wachse, dass mich diese Liebe dem dreifaltigen Gott und der Kirche treu bleiben lässt.

Mein Hoffen, dass die Aufforderung Jesu „siehe dein Sohn, siehe deine Mutter“ auch heute so noch gilt und wirkt und sich – wenn auch nicht viele – aber doch einige Menschen in Liebe unter dem Kreuz versammeln und wir gemeinsam standhaft bleiben können.

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Harald Sittart

Diakon, Aids- und Drogenseelsorge im Dekanat, Pastoraler Mitarbeiter in der Seelsorgeeinheit Oberes Bühlertal

Oberes Bühlertal, das sind die Gemeinden Bühlertann, Bühlerzell, Fronrot und Kottspiel

 

harald.sittart@drs.de