Wer ist hier eigentlich blind?
14. März 2026

Wer ist hier eigentlich blind?

Menschen einzuordnen, das geht erstaunlich schnell. Ein Blick - und wir glauben zu wissen, wie jemand tickt. Auch zur Zeit Jesu war das nicht anders. Davon erzählt uns der Bibeltext von diesem Sonntag.

Am vergangenen Sonntag wurde das Gemeindehaus St. Maria in Hessental zum Wahllokal. Aus dem Küchenfenster unseres Pfarrhauses konnten wir den ganzen Tag beobachten, wie Menschen kamen und gingen. Irgendwann sagte ich zu meinem Mann: „Er mit der grauen Jacke sieht aus, als würde er die CDU wählen. Sie dagegen setzt ihr Kreuz wahrscheinlich bei den Grünen“.

Natürlich wussten wir: Wir hatten keine Ahnung. Wir sahen nur einen kurzen Moment, ein paar äußere Eindrücke – Kleidung, Gang, vielleicht einen Gesichtsausdruck. Und schon hatte unser Kopf eine Geschichte daraus gemacht.

Menschen einzuordnen, das geht erstaunlich schnell. Ein Blick – und wir glauben zu wissen, wie jemand tickt. Wo er politisch steht. Wie sie denkt. Zu welcher Sorte Mensch jemand gehört und ob er uns sympathisch ist.

Auch zur Zeit Jesu war das nicht anders. Davon erzählt uns der Bibeltext von diesem Sonntag. Da begegnet Jesus einem Mann, der von Geburt an blind ist. Und sofort steht die Frage im Raum: Wer ist schuld? Hat er gesündigt? Oder seine Eltern?

Es sind typisch menschliche Fragen. Wir suchen nach Erklärungen, nach Schubladen, manchmal nach Schuldigen. Hauptsache, die Welt bleibt übersichtlich.

Doch Jesus verweigert diese einfachen Antworten. Er sieht in dem Blinden nicht zuerst ein Problem, keine religiöse Frage, keinen Fall für eine schnelle Einordnung.

Immer wieder sind wir es, die meinen den Durchblick zu haben. Wir sehen einen Menschen an und glauben zu wissen, wer er ist. Wir beurteilen sein Handeln als „gut“ oder „schlecht“, ohne die Hintergründe zu kennen. Ohne die Geschichten. Ohne die Zwischentöne. Denn Details sind anstrengend. Im Alltag genauso wie in der Politik.

Jemanden mit all seinen Facetten zu sehen ist schwieriger, als es klingt. Denn wirklich zu sehen heißt auch, offen zu bleiben. Die eigene Meinung verändern zu lassen. Sich und seine Weltanschauung in Frage stellen zu lassen.

Jesus macht es uns so oft vor – und doch verteidigen auch wir Christen manchmal unsere Schubladen, als wären es Wahrheiten. Vielleicht beginnt wirkliches Sehen nicht dort, wo wir aus der Entfernung von Pfarrhäusern auf Andere schauen – sondern wenn wir es wagen, an die Fenster ihrer Leben zu treten.

Bild: Peter Weidemann
in: Pfarrbriefservice.de

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Vanessa Markwart

Pastoralreferentin in Schwäbisch Hall

 

Vanessa.Markwart@drs.de