So reden, dass man sich versteht
23. Mai 2026

So reden, dass man sich versteht

Pfingsten- ein Fest der Sprachen

In der Welt gibt es sieben- bis achttausend Sprachen. Doch 40 % davon sind vom Aussterben bedroht, weil nur noch wenige Menschen sie sprechen. Gleichzeitig entstehen immer wieder neue Sprachen, z.B. durch Vermischung oder als Gebärdensprache. Dass wir sprechen können, hat vielfältige Gründe: unser hochentwickeltes Gehirn, der aufrechte Gang, der den Kehlkopf in eine günstige Position bringt, und nicht zuletzt unser soziales Miteinander. In einer Gruppe sind wir auf Austausch angewiesen, und je besser wir uns verständigen können, desto leichter gelingt er.

Es gibt verschiedene Theorien wie die Sprache entstanden ist. Kinder ahmen Geräusche nach – „wauwau“ für den Hund oder „miau“ für die Katze. Solche Wörter haben sich erhalten, etwa „Uhu“ oder „Gischt“, bei denen man das Geräusch förmlich hört. Weitere Erklärungen vermuten, dass am Anfang Schreie standen, die immer deutlicher wurden, um Bedürfnisse auszudrücken. Andere sehen in Gesten den ersten Schritt zur Sprache, die später durch Laute abgelöst wurden. Sprachen entwickeln sich durch kulturellen Austausch. Da gibt es Lehnwörter wie „Wanderlust“ oder „Kindergarten“, die im Englischen heimisch wurden, oder „Kaffee“, das aus dem Arabischen zu uns kam. Dass Italienisch, Französisch, Portugiesisch und Rumänisch auf das Lateinische zurückgehen, zeigt wie lebendig Sprache ist.

Auch an Pfingsten geht es um Sprache: In Jerusalem, am 50. Tag nach dem Pascha-Fest, ist die Stadt voll von Menschen, die aus allen Herren Ländern zum Tempel pilgern und von unterschiedlichen Kulturen und Sprachen geprägt sind. Plötzlich entsteht ein Sturm, ein Wind und mit einem Mal verstehen alle, was sie hören. Was sie erleben, trifft sie ins Herz – und verändert sie. Die Menschen haben das als die Geistkraft Gottes gedeutet, die sie im Brausen erfahren haben. Das Bild zeigt mir: In einer bunten, vielfältigen Gesellschaft kann es gelingen, sich aufeinander einzulassen. Das heißt: so reden, dass man sich versteht – nicht aneinander vorbei oder übereinander, sondern miteinander. Sorgen und Ängste teilen, miteinander lachen, Erfahrungen austauschen, damit sich etwas ändern kann.

Pfingsten bedeutet keinen Einheitsbrei. Die Einzigartigkeit der Menschen und ihrer Sprachen bleiben erhalten. Aber es fordert uns auf, im anderen den Menschen zu entdecken, ihn als Person kennenzulernen und ernst zu nehmen. Man muss sich aufeinander einlassen und hören, Kompromisse schließen und Vorurteile korrigieren. Ich hoffe, dass der Sturm der Geistkraft auch heute noch zu spüren ist – dass er manches aufwirbelt und frischen Wind in abgestandene Debatten bringt. Der Geist weht, wo er will – man muss sich nur darauf einlassen.

Ich wünsche Ihnen ein frohes und besinnliches Pfingstfest!

 

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Wolfram Rösch

Pastoralreferent in Schwäbisch Hall

Mein Schwerpunkt ist St. Markus. Mir ist es wichtig, Formen zu finden, den Glauben zeitgemäß zu verkünden. Das versuche ich im Gottesdienst, in der Predigt, in den Bildungsangeboten und beim Schreiben von Artikeln. Ich möchte die Menschen anregen, Gott in ihrem Leben zu entdecken. Ein wichtiger Punkt in meiner Arbeit ist die Feuerwehr- und Notfallseelsorge, wo ich auch als aktiver Feuerwehrmann Menschen in absoluten Grenzsituationen beistehen kann. Ich bin verheiratet, meine Frau ist ebenfalls Pastoralreferentin. Wir haben drei erwachsene Söhne.

Wolfram.Roesch@drs.de