Ungeduld
April 29, 2020

Ungeduld

Thomas war ungeduldig. Er kommt mir vor, wie ein ganz moderner Zeitgenosse. Einer, der was „in der Hand haben will“, für das, was wahr sein soll. Einer, der jemanden sucht, der ihm sagt, wie es weitergeht. Und die Antwort findet er in der persönlichen Begegnung mit Jesus, nicht in Glaubenssätzen oder Vorschriften.

Im September Nikoläuse, im Januar schon Fasching und ab Februar die Osterhasen, ab Ostern der Sommerurlaub und ab Juni die Planung für den Skiurlaub – Der Handel, der Tourismus, „der gesellschaftliche Motor“ muss laufen – muss immer schon beim nächsten und übernächsten Schritt sein, damit … ja damit was? , damit es nicht zum Stillstand kommt.

Und nun ist es doch gekommen, vieles ist zum Stillstand gekommen. Aber vielleicht nicht zur Ruhe. Ungewissheit, Existenzsorgen, Angst, vielleicht auch die Krankheit selbst lassen uns trotz Stillstand nicht zur Ruhe kommen. Und viele sind voll Ungeduld, wann was wieder möglich sein wird.

Acht Tage nach Ostern feiern die Christen immer noch Ostern. Auch dieses seltsame Ostern 2020, das ohne Osterfeuer in den Pfarreien und ohne Gemeinde in den Gottesdiensten stattfand. Auch dieses Ostern geht noch weiter – Wir müssen noch nicht zum nächsten hechten. Das Kirchenjahr gönnt uns sogar 7 Wochen, in denen wir das Osterfest durchbuchstabieren dürfen und sollen, um es zu verinnerlichen, um es tiefer zu verstehen.

8 Tage später, so erzählt uns die Bibel, waren die Freunde Jesu beisammen und einer war dabei, der hatte so seine Zweifel – wie viele von uns haben auch so ihre Zweifel?
Die Zweifler in der Bibel heißt Thomas. Er verlangt „Beweise“  von seinen Freunden. Beweise, dass ihre Freude, ihre Überraschung, ihr Staunen, ihr Glaube echt sei.

Er bekommt keine Antwort von ihnen, aber wesentlich an diesem Zweifler und den Freunden ist, dass sie zusammenbleiben. Thomas kommt mit, gehört dazu, auch mit seinen Zweifeln und Fragen. Und Jesus schenkt ihm diese Beweise – später – 8 Tage später, aber sie kommen an, vielleicht auch anders, als dieser Zweifler sich das erwartet hatte. Jedenfalls macht er eine Erfahrung, die ihn alle Zweifel vergessen lässt und in die Freiheit von Ostern führt.

Thomas war ungeduldig. Er kommt mir vor, wie ein ganz moderner Zeitgenosse. Einer, der was „in der Hand haben will“, für das, was wahr sein soll. Einer, der jemanden sucht, der ihm sagt, wie es weitergeht. Und die Antwort findet er in der persönlichen Begegnung mit Jesus, nicht in Glaubenssätzen oder Vorschriften.

Vielleicht können wir mit unserer Ungeduld, mit den Unsicherheiten und den Ängsten auch versuchen, zusammen zu bleiben – gemeinsam einander aushalten und so Ruhe ermöglichen. Ruhe die vielleicht in wesentliche Begegnungen mündet in denen wir Leben neu entdecken und spüren.

Frohe Ostern!

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Utta Hahn

Dekanatsreferentin

Studium der Religionspädagogik und Pädagogik in Freiburg und Reutlingen.

Einfach leben – egal wo die Betonung liegt – das ist Wunsch und Ziel, damit wir weltweit und hier, in Zukunft und jetzt ein Gutes Miteinander finden in Gesellschaft und auch in unserer Kirche. Lebenzeit ist Arbeit, Familie, im Garten werkeln, im Wald dem Wind und den Vögeln lauschen, wandern, Musik machen und lesen.

Utta.Hahn@drs.de