Die vermessene Vernunft
Juni 19, 2021

Die vermessene Vernunft

„Wer ist denn dieser, dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchen?“. Das fragen sich die Jünger, als Jesus dem Sturm auf dem See Einhalt gebietet.

Für die Jünger war dieses Erlebnis ein neuer Höhepunkt im Wirken Jesu. Sie hatten ihn zuvor schon erlebt, wie er wider alle menschlichen Möglichkeiten Dämonen austrieb und Kranke heilte. Ist das dann der Messias, der Sohn Gottes?

Wir heutigen Menschen, die wir uns für aufgeklärt und vernünftig denkend halten, bleiben aber schon an der Möglichkeit der Wunder hängen; egal ob Dämonenaustreibung, Heilungswunder, Sturmbändigung, Gang über das Wasser oder schließlich gar Auferstehung. Wir brechen sie runter, deuten sie so lange um und ab, bis sie sich mit unserem Verstand einigermaßen erklären lassen und uns nicht mehr in unserem naturwissenschaftlich geprägten Weltbild weh tun.

So werden diesen Berichten die Tatsächlichkeit und Übernatürlichkeit abgesprochen. Damit erheben wir unseren Verstand, unser Wissen, unsere Erkenntnis zum menschlichen Maßstab für Wahrheit und Wirklichkeit Gottes. Wie vermessen ist das?

Jesus bleibt dann für uns zwar noch irgendwie der Sohn Gottes (weil er ja so lieb war) aber sein Wirken bleibt nach dieser Lesart ein rein diesseitiges, menschliches.

Für die Jünger blieb angesichts der Wunder gerade nur die eine, entscheidende Antwort übrig: ja, er muss der Messias, der Sohn Gottes sein weil er solch große Macht selbst über Naturgewalten hat.

Heute stehen manche Naturwissenschaftler der Frage nach dem Unerklärlichen und damit Übermächtigen offener und staunender gegenüber als manche Theologen. Ja es ist ihr Motor, der ihre Forschungen erst antreibt.

Ich wünschte mir für unseren Glauben ein wenig von der Fantasie, von dem Zutrauen in Größeres, wie es manche Wissenschaftler haben.

Denn: wer wäre denn Jesus, wenn er solche Macht nicht gehabt hätte?

Nur ein netter, lieber, weiser Mann vor zweitausend Jahren. Rettet uns das wirklich? Kann ein Jesus, der keine übermenschliche, übernatürliche, also himmlische Macht hat, uns denn wirklich von Schuld befreien, egal wie heftig sie sei? Könnte denn ein solcher Jesus wirklich den Tod überwinden und damit den letzten, absoluten Feind des Menschen bezwingen?

Ich brauche keinen Jesus, der nur Gleichnis war. Da gäbe und gibt es noch viele andere Menschen und Jesus wäre nur einer unter vielen. Ich aber glaube an einen Jesus, der himmlische Macht hat über alle Gewalten. Denn nur dann ist er Gottes Sohn und nur ein solcher kann uns retten.

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Harald Sittart

Diakon, Aids- und Drogenseelsorge im Dekanat, Pastoraler Mitarbeiter in der Seelsorgeeinheit Oberes Bühlertal

Oberes Bühlertal, das sind die Gemeinden Bühlertann, Bühlerzell, Fronrot und Kottspiel

 

harald.sittart@drs.de