Zu früher Jubel?
4. Juli 2026

Zu früher Jubel?

In den biblischen Lesungen für diesen Sonntag lassen sich mehrere Gegensätze ausmachen. In Sacharja 9,9-10 wird der als bedrückend erfahrenen Wirklichkeit eine Verheißung entgegengesetzt, die Jubel auslöst.

Angekündigt wird ein Friedenskönig, der über die Grenzen der Völker hinweg Frieden verheißt. Die im Jubel sich zeigende Freude lebt hier nicht vom kurzfristigen Übertölpeln des Gegners, die jeden Moment in ihr Gegenteil umschlagen kann. Sie lebt hingegen von etwas dauerhaft neu Gewordenem. Das gern im Advent gesungene Lied „Tochter Zion“ bringt genau diese Verheißung zum Klingen.

Was diese allgemeine Verheißung für den Alltag der einzelnen Gläubigen bedeutet, formuliert der Apostel Paulus in seinem Römerbrief (8,9-13). Dort stellt er dem Bestimmtsein durch das Fleisch das Bestimmtsein durch den Geist Gottes gegenüber. Während das Fleisch für das Verhaftetsein im Zeitlichen und damit im Vergänglichen steht, steht der Geist Gottes für die Quelle des neuen und ewigen Lebens.

Jesus schließlich spricht in der Stelle aus dem Matthäusevangelium (11,25-30) weniger in Gegensätzen als paradox. Er preist Gottvater dafür, etwas „den Weisen und Klugen verborgen“ und zugleich „den Unmündigen“ offenbart zu haben. Zudem spricht er von seinem „sanften Joch“ und seiner „leichten Last“. Damit wird deutlich, dass die Verheißung im konkreten Leben zwar real erfahren werden kann, dass sie aber nicht die mitunter harte Wirklichkeit beiseiteschiebt oder die Vollendung vorwegnimmt. Dass die göttliche Offenbarung nicht der Klugheit der menschlichen Vernunft entspringt, macht sie nicht zu etwas Irrationalem, sondern zeigt sie als göttliche Gabe, die dem zuvor Unmündigen etwas von der Wahrheit Gottes in den Mund legt.

So kommt diesen Sonntag gewissermaßen die Botschaft von Weihnachten und Ostern zusammen. Die beiden Feste leben von ihrem historischen Gehalt, sind aber zugleich viel mehr als historisches Gedenken. Sie machen die Realität des Glaubens im Heute erfahrbar, weil sie wirkt und auf die einstige Vollendung hinzielt. Religionskritiker mögen darin eine manipulative Vertröstung auf das Jenseits erkennen. Für den Gläubigen hingegen ist der Trost in einer als sinnvoll erfahrenen Welt etwas Unmittelbares.

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Michael Gerstner

Leiter und Geschäftsführer der keb Katholische Erwachsenenbildung Kreis Schwäbisch Hall

Studium der Katholischen Theologie und der Philosophie in Jerusalem, München und Tübingen. An meiner Tätigkeit gefällt mir, dass ich Ideen in die Tat umsetzen kann, dass ich interessante Menschen zu Vorträgen einladen darf, dass ich Gespräche moderieren und mit Teilnehmern ins Gespräch kommen kann, dass ich auch selbst Impulse setzen darf und Vieles mehr!
Ich bin verheiratet mit einer Religionslehrerin. Wir haben zwei Kinder und leben in Crailsheim.

michael.gerstner@drs.de