Ein Bericht von Gabriele Hüben-Rösch, Pastoralreferentin und katholische Seelsorgerin im Diak Klinikum.
Ein normaler Tag im Krankenhaus. Ich bin auf einer „meiner“ Stationen und schaue wie gewohnt erst mal im Dienstzimmer vorbei. Schwester M. hat gleich zwei Ideen. „Ja, das ist gut, dass du kommst. Frau L. geht es heute gar nicht gut; sie hat das Ergebnis ihrer Untersuchung bekommen. Vielleicht hilft es, wenn sie erzählen kann. Und Herr B. ist ganz fertig; er muss doch noch einige Tage bleiben.“
Nach meinen Besuchen bei Frau L. und Herrn B. und einigen weiteren Patientinnen treffe ich beim Gehen noch Schwester P. im Aufenthaltsraum. Der letzte Nachtdienst beschäftigt sie immer noch; sie muss nochmal loswerden, wie es ihr gegangen ist.
Das Diensthandy klingelt. Der Empfang ist dran. „Guten Morgen! Ich habe hier Familie R.. Da ist die Mutter eben völlig überraschend gestorben. Hätten Sie Zeit? Sie brauchen jemand, der mit ihnen Abschied nimmt.“ – Die Familie ist nicht kirchlich gebunden. Aber sie sind froh, nicht alleine zu sein in dieser Situation und erzählen zu können, was die Patientin ihnen bedeutet hat. Und alle spüren, dass es hilft, wenn Abschied mit einem Ritual begleitet wird. Mit dem Sterbesegen biete ich an, was mir als Christin wichtig ist und Halt gibt. Das wird dankbar angenommen. Beim Vater Unser beten einige mit.
Donnerstagnachmittag. Drei Mitglieder des ehrenamtlichen Besuchsdienstes der katholischen Kirchengemeinden sitzen in unserem Seelsorge-Büro. Sie informieren sich, wen sie heute besuchen werden, um einen Gruß der Kirchengemeinden und der Klinikseelsorge zu bringen. Wie immer werden sie zwei Stunden später ihren Dienst mit dem Gottesdienst in der Klinikkapelle beenden. Das ist ihnen wichtig. Hier kann ins Gebet genommen und vor dem Kreuz abgelegt werden, was sie bei ihren Besuchen erlebt und erfahren haben.
Wir sind im Diak Klinikum ein ökumenisches Team von sechs Seelsorgenden auf dreieinhalb Vollzeitstellen. Miteinander sind wir auf den Stationen unterwegs, feiern Gottesdienste und gestalten Abschiede. Wir begleiten Menschen in schwierigen Zeiten ihres Lebens und haben auch für die Mitarbeitenden Zeit und ein offenes Ohr. Als Seelsorgerinnen und Seelsorger arbeiten wir eng zusammen mit den verschiedenen Berufsgruppen im Krankenhaus. Es kommt unserer Arbeit zugute, dass wir nicht „eingeflogen“ sind. Wir kennen den „Betrieb“, ohne darin aufzugehen, und man kennt uns und unsere Art zu arbeiten.
Gemeinsam sind Gemeindereferent Uli Müller-Elsasser und ich mit 100% der katholische Teil des Teams. Doch anders als ökumenisch ist die Seelsorge hier kaum sinnvoll denkbar. Und das ist inzwischen auch nicht dem Zufall überlassen, sondern auf Ebene der evangelischen Landeskirche Württemberg und der Diözese Rottenburg-Stuttgart so gewollt: Auf der Grundlage einer Ökumenischen Rahmenvereinbarung haben die katholischen und evangelischen Klinik-Seelsorgenden Kooperationsvereinbarungen formuliert, die das gemeinsame Arbeiten regeln. Vielleicht ein Zukunftsmodell für die christlichen Kirchen überhaupt?
In der Krankenhausseelsorge passiert schon jetzt viel von dem, was ich mir von einer „Kirche der Zukunft“ erhoffe. Das Krankenhaus ist in ganz konzentrierter Form ein Ort, wo Menschen mit dem Leben in all seinen Facetten, mit seinen Höhen und Tiefen konfrontiert sind: Ausgespannt zwischen geboren werden und sterben müssen, krank sein und – hoffentlich – wieder gesund werden; hoffen und verzweifeln; Trauer und Freude. Konfrontiert mit der Aufgabe, mit körperlichen Einschränkungen leben zu lernen und dem Wissen, dass die eigene Zeit begrenzt ist, manchmal sehr begrenzt.
Mit der Krankenhausseelsorge hat die Kirche – in ökumenischer Verbundenheit! – die Chance, hier mittendrin zu sein: bei den Menschen. Hier steht sie an der Seite derer, die sich in ihr zuhause fühlen und denen es gut tut zu spüren, dass „ihre Kirche“ sie im Blick hat. Und genau so ist sie da für Menschen, die schon lange keine Berührungspunkte mehr mit ihr haben oder sie noch nie hatten. Sie begegnet ihnen als Zuhörerin und Begleiterin; als eine, die in entscheidenden Situationen da ist und Anteil nimmt; die unterstützt bei der Suche nach einer Spiritualität, die trägt; die mit ihren Ritualen und Gebeten einen Raum öffnen kann, in dem erfahrbar wird: Gott will, dass unser Leben gelingt. Er geht mit und gibt uns Halt und Zukunft.
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